2. Finanzielle Freiheit – was ist das überhaupt?

2. Finanzielle Freiheit – was ist das überhaupt?

Lesezeit: 8 Minuten

Was ist finanzielle Freiheit überhaupt? Muss ich dafür Millionär sein? Wie lange brauche ich, um dieses Ziel zu erreichen? Kann ich das überhaupt schaffen, selbst wenn ich nicht als Superreicher geboren wurde oder kein so ambitionierter Unternehmer wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg bin?

Die Antwort ist: das hängt ganz vom eigenen Lebensstil ab. Meine persönliche Definition von finanzieller Freiheit ist diese: finanziell frei ist man, wenn man so viel passives Einkommen hat, dass es die laufenden Ausgaben deckt. Dann muss man nicht mehr arbeiten um zu überleben und kann das klassische Hamsterrad verlassen und seine Zeit anderen Dingen widmen. Die Betonung liegt hier auf „muss“ und „kann“. Wem die eigene Arbeit so viel Spaß macht, dass er sich kaum etwas schöneres vorstellen kann, der wird vermutlich selbst nach einem Lottogewinn nicht kündigen. Aber das Joch des „Müssens“ abzuschütteln, das ist mein persönliches Ziel bei der Sache.

Es geht nicht immer darum, Millionär zu werden. Für viele geht es darum, endlich mal dazu zu kommen, in aller Ruhe das Segelboot zu restaurieren. Oder drei Mal im Jahr in Urlaub fahren zu können, anstatt ständig nur Urlaub auf Balkonien zu machen.

Passives Einkommen und Unabhängigkeit

Was brauchen wir dafür? Der wohl wichtigste Aspekt ist passives Einkommen. Darunter versteht man üblicherweise den Ertrag aus Investments. Natürlich wird man immer etwas Zeit brauchen, um diese Investments zu managen, auch wenn man genug davon hat und die alle gut laufen. Selbst wenn man einen Verwalter für das Vermögen hat, man braucht etwas Zeit um diesen Verwalter zu beaufsichtigen. 100% passiv ist das alles nicht. Aber darum geht es auch nicht. Es geht vielmehr darum, die „unangenehme“ Zeit zum verdienen des Unterhalts so weit zu reduzieren, dass man genug Zeit hat um das zu tun, was man eigentlich tun möchte. Für mich war die finanzielle Freiheit schon immer ein Ziel, weil ich nicht mehr gezwungen sein wollte, immer und ewig zu arbeiten. Meine Arbeit hat mir überwiegend großen Spaß gemacht, aber die Rahmenbedingungen habe ich oft als einschränkend empfunden. Vor allem die Erwartung der Vorgesetzten, Auftraggeber oder Kunden, das, was man anbietet oder tut, morgen und übermorgen auch noch anbieten oder tun zu müssen. Wahre Unabhängigkeit kommt dann, wenn man nicht mehr tun muss sondern tun darf. Wenn man die Freiheit besitzt, sein eigenes Schicksal selbst bestimmen zu können. Für mich war finanzielle Freiheit schon immer eine Komponente davon, weil sie Abhängigkeiten nimmt.

Um diese Unabhängigkeit zu erreichen, sind drei Komponenten notwendig:

1. Kenne deinen Lebensstil.

Das erste, was man auf dem Weg zur finanziellen Freiheit tun sollte, ist Resümee ziehen. Ich habe damals, als ich mit dem Weg der finanziellen Freiheit angefangen habe, mir die Kontoauszüge des letzten Jahres geschnappt und eine Excel-Tabelle aufgemacht. In die Spalten kamen Rubriken wie „Essen“, „Kleidung“, „Wohnung“, „Hobbies“, „Urlaub“ und „Luxus“ und in die Zeilen die einzelnen Positionen auf den Auszügen. Die Zuordnung hat nicht nur ergeben, wofür ich jeden Monat wie viel Geld ausgebe, sondern auch wie viel ich jeden Monat überhaupt ausgebe. Das ist die wohl wichtigste Kennzahl des eigenen Lebensstils: wie viel Geld brauche ich im Monat, um über die Runden zu kommen. Die Größenordnung reicht völlig. Wenn ich weiß, dass ich pro Monat in etwa 2.500 Euro verbrauche, dann weiß ich auch, dass ich mit 10.000 Euro Ersparnissen etwa vier Monate durchhalte, wenn es hart auf hart kommt. Selbst wenn mich meine Freundin verlässt, der Chef mir kündigt und das Auto kaputt geht, ich habe vier Monate in denen ich problemlos die Miete zahlen und mir etwas zu essen kaufen kann. Wenn ich in der Zeit aus Dosen esse, keinen Urlaub mache und auf Schnickschnack verzichte, halte ich eventuell sogar einiges länger durch. Das reicht dicke aus, um in aller Ruhe ALG zu beantragen, die Bewerbungsunterlagen auf den neusten Stand zu bringen, mich um die Reparatur des Autos zu kümmern und die zerbrochene Beziehung zu kitten oder, wenn es gar nicht anders geht, zu verarbeiten. OK, letzteres kann auch mal länger dauern. Aber ich hoffe, ihr versteht, was ich meine.

Wenn ich meinen Lebensstil kenne und ihn auch mit einer Geldsumme pro Monat beziffern kann, dann weiß ich genau, wie viel passives Einkommen ich brauche, um nicht mehr zu „müssen“. Und auch diese Zahlen können flexibel sein. Durch die Kategorisierung meiner Ausgaben kann ich sehen, ob in bestimmten Bereichen Spielraum ist. Ich kann z. B. früher finanziell frei sein, wenn ich bereit bin, Luxusausgaben zu senken oder auf Urlaube zu verzichten. Also durch Runterfahren des Lebensstils. Ich kann auch früher finanziell frei sein, wenn ich es schaffe, das passive Einkommen zu erhöhen, also die Rendite meiner Investments hochfahre. Wichtig ist nur, dass ich meinen monatlichen Lebensstil und mein monatliches passives Einkommen gegenüberstelle und im Auge behalte.

2. Sei bereit, ein neues, langfristiges Ziel einzugehen.

Der Weg zur finanziellen Freiheit muss nicht unbedingt super hart und steinig sein. Aber meistens ist er länger als man zunächst glaubt. Es mag sicher Fälle geben, in denen Leute über Nacht reich geworden sind. Z. B. durch einen Lottogewinn. Allerdings sind, Statistiken zufolge, die meisten dieser Leute eine verhältnismäßig kurze Zeit, meist wenige Jahre später, wieder auf einem ähnlichen finanziellen Niveau wie vorher. Und es gibt auch die spektakulären Stories von Prominenten wie Ingrid Steeger oder Roberto Blanco, die zu ihren besten Zeiten mehrfache Millionäre waren und Jahre später kam plötzlich eine Meldung in der Bild, dass Privatinsolvenz angemeldet werden musste. Boris Becker, der ehemalige Tennis-Star und Wimbledon-Gewinner wurde 2017 für zahlungsunfähig erklärt. Selbst Michael Jackson hatte Jahre lang Schwierigkeiten, den Unterhalt seiner Neverland-Ranch zu finanzieren. Es gehört mehr dazu, Geld zu bekommen. Man muss es auch halten können.

Ich möchte euch mit diesen Geschichten nicht demotivieren. Es gibt mehr als genug Millionäre, die Millionäre bleiben. Langfristig. Dem Ziel „finanzielle Freiheit“ sollte man nur etwas Zeit geben. Man sollte sich bewusst machen, dass es locker 10-20 Jahre dauern kann, bis dieses Ziel erreicht ist. Das nötige Wissen zum „Halten“ und angemessenen „Fließen lassen“ des Geldes will aufgebaut und gelernt werden. Es wird Fehler geben, die gemacht werden wollen und Geld kosten. Es wird Rückschläge geben, die Motivation kosten und ein Wieder-Aufstehen erfordern. Bei mir waren es ziemlich genau 25 Jahre, die ich vom ersten Geld verdienen an gebraucht habe, um auf ein Niveau zu kommen, dass ich sagen kann: jetzt habe ich es „geschafft“. Und aktuell investiere ich immer noch einige Stunden pro Woche zum Erhalt und weiteren Ausbau meiner Investments und will auch weiter Zeit investieren, um diese einige Stunden pro Woche auf wenige Stunden im Monat zu reduzieren.

3. Der Weg ist das Ziel.

Die einen oder anderen von euch kennen das vielleicht schon. Man setzt sich ein Ziel und arbeitet mit Feuereifer darauf hin. Das Ziel geht schließlich in Erfüllung und dieses „Geschafft“-Ereignis erzeugt ein Hochgefühl. Nur leider ist es hier ähnlich wie beim Shopping: das Hochgefühl ist nur von relativ kurzer Dauer. Schon in den nächsten Tagen ist es verflogen. Und wenn ich das gleiche kurzfristige Hochgefühl öfters hintereinander genossen habe, dann hält es auch noch weniger und weniger lang an. Ein Gewöhnungseffekt tritt ein.

Insbesondere bei langfristigen Zielen kommt noch dazu, dass der Weg zu einem solchen Ziel viel, viel länger ist als das Hochgefühl nach dem Erreichen des Ziels anhält. Vorfreude auf das Erreichen des Ziels kann weiterhelfen, reicht aber oft nicht aus um langfristig motiviert zu bleiben. Die beste Möglichkeit, die ich so weit gefunden habe, um dauerhaft motiviert zu bleiben, ist diese: lerne, den Weg zum Ziel zu lieben und zu genießen. Das Ziel zu erreichen ist wichtig und auch das Gefühl des erreichten Ziels zu genießen. Aber noch wichtiger ist es, den Weg zum Ziel an sich zu genießen. Dann ist es auch oft egal, wie lange es wirklich dauert. Bei einem Ziel, das realistisch erst in 10 Jahren erreichbar ist, kann es auch 20 oder 30 Jahre dauern, wenn der Weg so viel Freude bereitet, dass man gerne dabei bleibt.

Dabei hilft es ungemein, sich die kleinen Erfolge bewusst zu machen, die man auf diesem Weg erlebt. Sich bewusst über die einzelnen Kleinigkeiten freuen braucht anfangs etwas Übung. Erzeugen doch die „großen Erfolge“ und die abgearbeiteten Meilensteine so viel mehr Glückshormone als die kleinen Dinge. Doch mit etwas Übung klappt das ganz gut und hilft ungemein, sich bei der Stange zu halten. Das beste Beispiel hier ist die Aktienanlage. Ich habe zu Anfang meiner „Karriere“ eine ganze Weile mit einem guten Freund zusammen versucht, Geld mit Aktien zu vermehren. Dabei waren wir immer auf der Suche nach dem Super-Deal, der uns über Nacht reich machen würde. Wir hatten auch einige richtig schöne Erfolge dabei, Anstiege von mehreren 10% in wenigen Tagen. Aber gemessen am großen Ziel, nämlich Millionäre zu werden, hat uns das nicht sichtbar weiter gebracht. Insgesamt waren also selbst die schönsten Erfolge eher frustrierend und wir jagten weiter, immer in der Hoffnung, den Super-Deal morgen zu machen. Inzwischen habe ich ein gut funktionierendes System zur Investition in Aktien. Es wirft eine durchschnittliche langfristige Rendite von ca. 8-10% pro Jahr ab, womit ich in der heutigen Zeit extrem zufrieden bin. Beim Trading versuche ich immer wieder, mich auch über die kleinen Erfolge zu freuen. Wenn ich eine bestimmte Aktie besonders mag und sie steigt nach dem Kauf tatsächlich an, dann schaue ich mir gerne bewusst den Chart an, rechne kurz den Gewinn aus, den ich machen würde, wenn ich jetzt verkaufen würde, und freue mich darüber. Dass ich jetzt gar nicht verkaufen darf, weil ich damit gegen die Regeln meines Systems verstoßen würde, spielt dabei keine Rolle. Ich freue mich über den kleinen Gewinn, weil ich weiß, dass viele kleine Gewinne mich in Summe voran bringen.

Ein zweiter Aspekt sind Hindernisse und Fehlschläge. Auf jedem längeren Weg wird es welche davon geben und es ist wichtig, sich davon nicht auf Dauer die Motivation töten zu lassen. Oft machen diese Fehlschläge Angst und wenn man eine bestimmte Art von Hindernis mehrfach erlebt hat, kann es unglaublich blockierend sein, wenn sich ein weiteres Hindernis der gleichen Sorte alleine schon am Horizont abzeichnet. Auch hier ist Systemtrading ein gutes Beispiel. Mein System hat eine Verlustrate von ca. 60-70%. D. h. 2/3 aller Trades, die ich mache, verkaufe ich mit Verlust. Das System funktioniert, weil die wenigen Gewinner so viel Ertrag abwerfen, dass sie die Verluste überkompensieren. Trotzdem ist das ungefähr so, als würde man sich mit jedem Verkauf einer Verlustposition ein wenig ins eigene Fleisch schneiden. Es ist unangenehm. Wenn sich der nächste Verlust abzeichnet und der Stopp greift, möchte man rein mental schon gar nicht mehr ins Depot schauen. Hier hilft es, sich das Hindernis in der eigenen Vorstellung so zu „drehen“, dass es keine Angst mehr macht. Im Falle meines Systems habe ich das geschafft, indem ich so lange mit Spielgeld gehandelt habe, bis ich relativ sicher war, dass das System funktioniert. Und selbst damit war es das erste halbe Jahr relativ schwierig, die Trades auszuführen. Selbst bei den Gewinn-Trades habe ich mich regelmäßig gefragt, ob es nicht sinnvoll wäre, den Trade weiterlaufen zu lassen. Vielleicht steigt er noch weiter. Aber die Statistik und die Zeit haben mich vom Gegenteil überzeugt. Heute führe ich jeden Trade nur noch stur aus. Ich prüfe, ob mein System keine Fehler gemacht hat, aber ich hinterfrage die Regeln nicht mehr, weil ich ihnen vertrauen kann. Auch dieses „mentale Drehen“ des Hindernisses erfordert etwas Übung, ist aber irgendwann problemlos machbar. Ein gutes Buch zu diesem speziellen Beispiel des Tradings ist dieses: Come Into My Trading Room von Alexander Elder. Dem Thema Psychologie wird ein sattes Drittel des Buches gewidmet und das ist nicht das einzige Buch über Systemtrading, in dem das der Fall ist.

Insgesamt hilft es, sich so oft es geht bewusst über kleine Erfolge zu freuen und sich dabe vorzustellen, man hätte das große Ziel der finanziellen Freiheit bereits erreicht. Frei nach dem Motto: „Fake it until you make it“. Das mag jetzt etwas bescheuert klingen, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es wirkt. Mit kleinen Belohnungen, wie zum Beispiel einem Spaziergang in der Natur wenn man ein bestimmtes Sparziel erreicht hat, kann man sich aktiv darauf „programmieren“, den Weg zu genießen. Und dann fühlt sich das große Ziel nicht mehr ganz so weit weg an.

Fazit:

Der Weg zur finanziellen Freiheit besteht daraus, den Ertrag aus passivem Einkommen so weit zu steigern, dass er den Preis des eigenen Lebensstils übersteigt. Üblicherweise ist das ein langfristiger Weg. Um ihn zu beschreiten, sollte man sich auf das Ziel, das man erreichen will, bewusst einlassen. Und schließlich ist es enorm hilfreich, den Weg zu diesem Ziel bestmöglich zu genießen. Nicht nur um sicherzustellen, dass man das Ziel auch irgendwann erreicht. Sondern insbesondere damit man bis zum Erreichen dieses Ziels auch von sich behaupten kann, gelebt zu haben – und nicht einen signifikanten Teil seines Lebens ausschließlich „malocht“, damit man anschließend erst die Früchte der Arbeit genießen kann. Ein fließender Übergang von hart arbeiten zu mehr und mehr genießen ist meines Erachtens die beste Wahl.

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